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Liebes Tagebuch (Samstag, 07.11.2009 "10 Jahre Human Paranoid" Elfenbein, Herford) Zehn Jahre Human Paranoid ! Zehn Jahre Krach und Chaos, zehn Jahre purer Underground. Und das ohne jegliche Unterstützung eines Labels, ohne nennenswerte Beachtung der einschlägigen Postillen und ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, mal so etwas wie „Erfolg“ zu haben – wie auch immer man diesen definieren mag. Wer hätte gedacht, dass vier vollkommen degenerierte Egomanen sich so lange gegenseitig auf den Sack gehen würden, ohne dass es zum großen Zerwürfnis kommen würde? Niemand. Nicht einmal jene Vier. .... Das muss gefeiert werden. Und zwar richtig. So richtig richtig! Bloß wie? Fest steht, dass es gigantisch werden muss, nix kosten darf und etwas ganz Neues, Einzigartiges, Bonfortionöses werden soll. Eine Ideal-Standard-Gala mit drei Bands, einer Stripperin und ‘ner Tombola scheidet also aus. Nach diversem Hin und Her, entwickelten und verworfenen Gedanken, ja selbst der Überlegung, auf eine entsprechende Feierlichkeit gar gänzlich zu verzichten, fällt uns schließlich doch dem ollen Kolumbus sein Ei vor die Füße. .... So schreiben wir alle Bands an, mit denen wir in den letzten Jahren zum einen zusammen gespielt, zum anderen aber auch persönlich Spaß gehabt haben, ob sie vielleicht Lust haben, uns je eine Viertelstunde lang ein Ständchen zu bringen. Der Haken an der Sache: Es wird keine Spritkohle geben, keine Gage, kein Catering. Noch nicht mal einen Soundcheck. Tatsächlich erklärt sich ein gutes Duzend bereit, den Spaß mitzumachen. Somit steht schon mal das Billing, fehlt also noch die Location. Und welcher Schuppen würde sich für so etwas besser eignen als das Herforder Elfenbein ? Mit dessen Chef-Lakoniker Gerd werden wir uns schnell über Termin und Konditionen einig, diverse Bands und sonstige Kollegen sagen spontan tatkräftige Unterstützung zu, selbst die lokale Presse widmet unserer Sache ein paar nachlässig formulierte Zeilen und lediglich die regionalen Brauereien lehnen jegliche Unterstützung ab. .... Bereits am Freitag soll schon mal alles vorbereitet, sprich: die komplette Backline aufgebaut und verkabelt sowie der Sound gecheckt werden. Blöderweise hat E -Bein -Gerd aber in einem schwachen Moment einem bizarren Musikantenzirkel zugesagt, sie könnten ausgerechnet hier und jetzt eine Probe abhalten. Echt super. Aber freundlich wie wir es üblicherweise ja gar nicht sind bestehen wir vorerst nicht auf eine termingenaue Einhaltung unserer Absprache sondern lassen die Herrschaften noch ein wenig vor sich hin üben. Zumindest, solange wir unser Equipment reinschlüren. Und ein paar Bierchen trinken. Und noch mal über den Parkplatz schlendern... bis Phil nach einer Überdosis schleimiger Top-40-Oldies gehörig der Kragen platzt und er die gesamte Mannschaft mittels einer lautstarken Philippika unmissverständlich zum sofortigen Einstellen der akustischen Folter auffordert, welche unbestreitbar noch widerwärtiger als das derzeit bei nur rudimentär zivilisierten Völkern recht populäre Waterboarding ist: Unter Wasser ist man ja wenigstens halbwegs vor der Besäuselung durch seichte Weisen à la „ You are the Sunshine Of my Life “ geschützt. .... Das Machtwort wirkt sofort. Von da an läuft alles wie geschmiert, der große Tag mag also anbrechen. .... Und er bricht. Samstagnachmittag, 16:00 Uhr: Die ersten Bierchen und die letzten Vorbereitungen… 17:00 Einlass. 18:00 Licht aus, Spot an, Auftritt Brudna Swinia . Was für Gestalten! Ein spindeldürrer Riese, der gleichzeitig eine Gitarre malträtiert und ins Mikrophon bölkt, sowie ein schwer-tätowierter Zwerg, der auf die Schießbude eindrischt und dabei in ein Headset grölt; beide tragen Pickelhauben. Da fragt sich doch so manch irritierter Mucker-Polizist: „Meinen die das ernst?“ Die Antwort liegt auf der Hand: Nein! Die beiden Drecksschweinchen haben schlichtweg Spaß an dem was sie machen, und scheißen einfach eine extrabreite Wurst darauf, dass der eigentliche Gitarrist irgendwie verschollen ist und der üblicherweise Bass-spielenden Sänger Lord Koben heute eben mal den handlichen Sechssaiter bedienen muss. Dementsprechend springt der Funke auch schnell auf's Publikum über, so dass die Band mit ihrer Mischung aus Ramones , Motörhead und den Misfits die undankbare Aufgabe des Openers durchaus bravourös meistern. Schließlich überreicht man uns zum Jubiläum auch noch einen von Drummer Majo angefertigten Sammelteller aus Edelstahl. Besten Dank, Jungs! .... Und schon kommt die nächste Band. Und zwar sofort! Denn anders als normal und üblich bleibt heute die komplette Backline stehen, das zeitraubende Wechseln von Becken, Fußmaschinen, Topteilen, Hygieneartikeln usw. fällt somit weg! Schließlich geht's heute um den Spaß und nicht um die perfekte Performance musikalischer Höchstleistungen. Somit ist's auch kein Drama, dass Tripwire heute ebenfalls ohne Bassisten auftreten. Der gute Mann wollte sich wohl musikalisch neu orientieren… Nichtsdestotrotz hauen die drei mit Ihrer Mischung aus Thrash Metal und ursprünglichen Hardcore ganz gewaltig auf die Kacke. Thumbs Up! .... Auch die als nächstes an der Reihe seienden Uncover scheinen immer härter zu werden. Von dem dezent verschrobenen Geklimper, welches zu hören ich erstmalig bei unserem ersten gemeinsamen Gig im Dezember 2003 verdammt war, haben sich die Jungs mittlerweile um Lichtjahre entfernt und sind inzwischen beim melodisch-modernen Death-Metal angelangt… auch wenn sich Sänger Kai allem Spott zum Trotz noch immer nicht die elegischen Clear-Vocals verkneifen mag. .... Auch mit den nun folgenden Slave to Misery haben wir seit jenem denkwürdigen Konzert im Dezember Null Drei schon so manchen Abend bestritten, und auch sie haben sich ganz schön entwickelt. Vor allem fällt auf, dass Sänger / Klampfer Dennis immer mehr aus sich raus herausgeht, auch wenn er Bassmann Barnes in punkto Rampensäuigkeit noch nicht ganz das Wasser reichen kann. .... Eigentlich wären jetzt Samara an der Reihe, doch leider mussten diese ebenso wie Comander Keen aus irgendwelchen, dem Unernst der Lage nicht angemessenen Gründen kurzfristig absagen. Mögen die Götter des Heavy Metals sie dafür mit einer Woche breiigem Stuhl maßregeln! .... Andererseits bleibt dafür etwas Zeit für eine kleine Fotosession mit annähernd allen heute anwesenden Musikern auf der Bühne, und sogar noch einen kleinen Extra-Spaß: Gibt es zufällig noch eine Band im Publikum, die heute nicht auf dem Liste steht? Jawohl, ein paar spaßig dreinschauende Bubis, die unter dem martialischen Namen Aim for the Head noch gewaltig von sich reden zu machen gedenken. Allerdings sind sie heute ohne Sänger zugegen. Doch das soll kein Problem sein, gilt doch Tripwire -Shouter Marcel als Meister der Improvisation und wird daher standrechtlich dazu verpflichtet, den Jungs lautstark zu assistieren. Diese werden mit den notwendigen Instrumenten bestückt und los geht's. Kaum zu glauben, dass das, was wir jetzt geboten kriegen, eine spontane, ungeprobte Nummer ist. Verdammt cool! .... Als nächstes sind Mania an der Reihe. Und auch diese sind nicht vollzählig. Allerdings erhalten die bereits im Elfenbein ungeduldig wartenden Dreiviertel der Band erst eine knappe Stunde vor ihrem Auftritt eine Nachricht ihres Drummers, dass dieser aufgrund hohen Fiebers nicht kommen kann. Doch kneifen gilt nicht. Glücklicherweise weilt Spellbreaker -Drummer Börgy unter den Gästen; auch dieser wird stante pede zwangsrekrutiert, in ein Kraftfahrzeug verschleppt, wo er per CD mit den Songs leidlich vertraut gemacht wird und sich ein paar Notizen machen kann, und schon geht es ab auf die Bühne. Auch er löst seine Aufgabe mit Bravur, so dass der Mania -Gig ein zünftiges Thrash-Metal-Geburtstagsständchen wird. .... Und schon ist mit Trapjaw tatsächlich mal eine Combo am Start, die mit drei Mann Besatzung vollzählig angetreten ist. Die Band hat sich ja in letzter Zeit nicht allzu intensiv live präsentiert; dennoch rotzen sie ihren hektisch-vertrackten Death-Thrash souverän runter – so machen Herzrhythmusstörungen noch richtig Spaß. Die nächste Band – Soulgate - zählt nicht nur seit vielen Jahren zu unseren treuesten Weggefährten, sondern verdient sich heute noch ein Extra-Sternchen in den Analen des Ostwestfälischen Metals, stellt man doch großzügiger Weise – und außerdem noch völlig unaufgefordert – mal gleich einen Großteil der Backline zur Verfügung. Doch auch On Stage weiß man zu gefallen. Mittlerweile hat Fronthulk Bernie den Tieftöner an Marco weitergereicht (welchen wir heute bereits als Gitarrenhobbit von Tripwire haben erleben dürfen), um sich ganz auf die inbrünstige Inszenierung seiner polymorphen vocalen Eruptionen konzentrieren zu können. Verdammt schade, dass auch Soulgate so selten live zu sehen sind! .... Auch der nächsten Band gebührt an dieser Stelle ganz besonderer Respekt. 24Give , die jetzt der aus kosmetischen Gründen Toforgive heißen, waren von unserem Konzept derart angetan, dass sie tatsächlich aus Emden angereist sind. Das ist Heavy Metal. Genau gesagt Old School Death Metal der Oberklasse. Voll auf den Ballon, technisch grandios und absolut professionell. .... Während des Sets schauen übrigens auch ein paar schnittlauchfarbene Freunde und Helfer vorbei, genauer gesagt ein recht junges Pärchen, dem es offenbar noch gewaltig an Routine und der damit verbundenen Fähigkeit zur selbstironischen Distanz zum eigenen Beruf fehlt. In einer bizarren Mischung aus Angst und Arroganz versuchen sie hektisch, den Veranstalter ausfindig zu machen. Um einen Amoklauf der beiden Hilfssheriffs zu vermeiden, erklärt sich Phil daher bereit, sich dem Anliegen der beiden anzunehmen: Offenbar ist die innere Sicherheit der westlichen Welt derzeit ganz akut dadurch gefährdet, dass ein paar Zecher soeben auf dem Flachdach des Nachbarhauses herumgetobt sind. Und weil deren Personalien ebenso wenig ermittelbar sind wie deren Eltern, meint das uniformierte Duo nun, wir müssten da jetzt tätig werden. Da man jedoch weder Phils gutgemeinten Ratschlag, die Störenfriede doch einfach mittels der demonstrativ die Hüften zierenden Schusswaffen zu eliminieren, noch das großzügige Angebot, von der Bühne aus per Mikrophon zum Schutz der nachbarlichen Dachpappe aufzurufen, anzunehmen bereit ist, muss nun eben jener selbst das Mikro in die Hand nehmen um alle Anwesenden darauf hinzuweisen, dass die Eindeckung der südlich gelegenen Liegenschaft künftig nicht mehr zu betreten sei. .... Nach dem derben Old-School-Death von Toforgive dann der Generationenwechsel: Die Jungs von Headshot.Failed.Desparation sind ja in etwa halb so alt wie die Friesischen Urgesteine, folgerichtig impliziert ihre Interpretation von Death Metal gewissermaßen einen Paradigmenwechsel. Doch auch ihnen merkt man an, dass sie seit unserem letzten gemeinsamen Gig so manche Bühne zum Beben gebracht haben, demensprechend selbstbewusst kommt die Band auch rüber. .... Als nächstes geben sich (und uns) Rough Silk die Ehre. Und auch sie haben heute eine neues Gesicht (?) in ihren Reihen: Da der etatmäßige Drummer heute anderweitig verpflichtet ist, hat die Band keine Kosten und Mühen gescheut, niemand geringeren als unseren Grobi für den Abend zu verpflichten. Allerdings hatte dieser wenigstens vorher noch einmal Gelegenheit, mit Ferdy & Co ein paar Songs zu proben, so dass der Gig reibungslos abgerissen werden kann. .... Derweil zeichnet sich an – genauer gesagt hinter der Theke das erste große Drama der Veranstaltung ab: Die Pils-Vorräte gehen ganz rapide zur Neige! Das Elfenbein ist mittlerweile mit gut zweihundertfünfzig zechwütigen Metalheads rappelvoll gefüllt, und um 22:30 ist kein Zaubertrank mehr im Kessel? Somit bleibt Oberelfe Gerd nichts anderes übrig, als so schnell wie eben möglich zur nächstgelegenen Tankstelle zu heizen, alle Biervorräte einzupacken und sofort zurück in seinen Laden zu rasen - sollte er diesen noch einmal lebend wiedersehen wollen… Glücklicherweise gelingt der Feuerwehreinsatz, während sich der Abend seinem vermeintlichen Höhepunkt nähert: .... Auftritt Human Paranoid . Wie es sich bei Feierlichkeiten dieser Art wohl zu gehören scheint hatten wir in den vorangegangen immerhin sechs Stunden mehr als reichlich Anlässe, auf unser Jubiläum anzustoßen. Musikalische Glanztaten sind derart angezählt von uns somit wohl nicht mehr zu erwarten. Aber dafür haben wir ja noch reichlich Verstärkung mitgebracht. Denn nachdem wir uns irgendwie durch das eröffnende „ Philippica “ durchgemogelt haben, entert Eugen von Slave to Misery die Bühne, um uns bei „ New Frontiers “ mit ein paar grandiosen Gitarren-Soli zu unterstützen. Weiter geht's mit „ Flag Of Hate “; special guests: Corinna (Vocals) und Markus (Gitarre) von Deathfist – die sich ganz nebenbei mit einer Kiste HumPa -Pils auf ewig ein kleines Plätzchen in unseren schwarzen Herzen erkauft haben. Beim anschließenden „ Human / Paranoid “ sorgt indes Rosie von Raumlos für eine gehörige Portion Gänsehaut. Für „ Breed Of Cain ” konnten wir noch einmal Hatcher von den mittlerweile leider aufgelösten Taste Of Blood gewinnen, der uns ja im Sommer 2008 für drei Gigs am Schlagzeug ausgeholfen hatte. Und weiter geht's mit “ Shock Blower ”, bei dem natürlich der Ferdy in die Tasten haut. .... Die Ehre, uns beim abschließenden “ Faceless Killer “ unter die verschwitzen Arme greifen zu dürfen obliegt selbstverständlich nur ein paar wenigen. Da die Jungs von Lost World Order an diesem Wochenende leider verhindert sind, bleibt also nur noch eine Band übrig, die mit uns schon ungezählte gemeinsame Konzerte absolviert hat: Uncover . Und deshalb darf der Kai heute mal mit Phil um die Wette bölken. Macht er auch ganz toll, der Kai. .... Für den krönenden Abschluss des Live-Programms sorgen schließlich Eddies Revenge , die, obwohl wir den Zeitplan doch ein wenig durcheinander gebracht haben, die Meute selbst gegen Ende dieses Metal-Marathons noch mal richtig zum Toben bringen. .... Doch auch danach beweisen noch diverse Gäste gutes Steh- und Trinkvermögen, so dass, während DJ Krücky noch ein paar Stunden lang einen Metal-Klassiker nach dem anderen aus seinem Notebook zaubert noch bis in die frühen Morgenstunden weitergefeiert werden kann. .... Fazit: Phantastische Bands aller möglicher Stilrichtungen, die grandios zusammenhalten, der Laden rappelvoll, eine Bombenstimmung. Besser geht's wohl nicht! Vielen Dank noch einmal an alle beteiligten Bands, an Soulgate für's Equipment, an Callum von Tripwire für den Sound, Alex von Samara für's Licht, Ati von RTL für die Aufnahmen, Andy von GrindAttack für die Unterstützung, Christian, Ray und Alex für ihre Hilfe und allen, die da waren und mit uns gefeiert haben! .... >> download gesamtes Tagebuch pdf. <<
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