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Liebes Tagebuch (Samstag, 13.11.2010 "Thrash the Ruhrpott" - Cafe Nova, Essen)Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr bekommen wir auf spezielle Empfehlung von DeathFist eine Einladung, jenseits der ostwestfälischen Provinz mal für Radau zu sorgen. Diesmal unter dem vielversprechenden Motto „ Thrashing the Ruhrpott “ und dem elfjährigen Bandjubiläum irgendwie angemessen ausgerechnet in Europas diesjährigen Kulturhauptstadt: Essen. Also eben das Nötigste zusammengepackt, rauf auf die A2 und ab gen Süden; wie üblich sinkt das Niveau der verbalen Immissionen an Bord mit jedem abgerissen Kilometer im selben Ausmaß, wie der Grad an Unerträglichkeit der non-verbalen Immissionen zunimmt. Glücklicherweise beginnen erst in Höhe von Hamm die Spekulationen über das uns drohende Catering, so dass wir lediglich auf den letzten 80 Kilometern von Grobi mit einer eigenwillig vorgetragenen Version des Grönemeyer-Klassikers „ Currywurst “ unterhalten werden. Und Essen kommt näher und näher. Was mag uns wohl erwarten? Unser letzter Feldzug in den Pütt war je eher unspektakulär. Aber das ist ja auch schon wieder anderthalb Jahre her, und außerdem war das in Hagen… - Hagen, das Tor zum Sauerland, gewissermaßen das Stargate in die Galaxie der Lethargie… Doch Essen, das ist Ruhrpott pur, die Stadt von Kreator , das Epizentrum des Metals. Hier regieren junge Männer, denen die harte Arbeit unter Tage jegliche Juvenilität mit einem Federstrich aus dem Antlitz getilgt hat, finstere Gestalten mit kohlenstaubschwarzen Schatten unter den Augen, die sich ihre Bierpullen noch mit den letzten braunen Ruinen ihrer Kauwerkzeuge öffnen, vom Leben gezeichnete Malocher mit strähnigen Haaren und Dreitagebärten, achtlos verhüllt in löchrigen Jeans und verschlissenen Lederjacken, mit von Bier, Schweiß und Nikotin gegerbten Kutten, auf denen die dereinst aufgenähten Logos alter Metal-Heroen, die selbst schon längst von der großen Woge des Musik-Business hinfortgeschwemmt worden sind, nur noch von eingefleischten Fachleuten identifiziert werden können. Diese glorreichen Veteranen rotten sich schon seit Jahr und Tag allen Trends zum Trotze in einer dem Strukturwandel zum Opfer gefallenen Kaue zusammen, um sich bei infernalisch lauter Musik, der alles Elegische und Melodische wahrhaft fremd ist, gegenseitig die Schädel gegen das mit ein paar Grubenlichtern nur spärlich beleuchtete schroffe Ziegelsteinmauerwerk zu schlagen. Hier lebt man den „ Good Friendy Violent Fun “ ( ? Exodus ), hier gilt der alte Gang Green -Slogan „ I'd rather drink than fuck “, hier gibt man noch etwas auf das 11. Gebot: „ Live Fast, Die Young “ Dieser Ort ist Hades und Walhalla zugleich, dies ist der Ort, den Gottfried Wilhelm Leibniz bereits 1710 vor seinem visionären geistigen Auge gehabt haben musste, als er sein Theorem von der besten aller möglichen Welten postulierte. Und so sind wir doch reichlich desillusioniert, als uns das Navi nach einer kurzen Site-Seeing-Tour durch Essen ausgerechnet zu einer der Heranwachsendenunterweisung gewidmeten Dependance der „ Dreifaltigkeitskirche “ geleitet, welche auf den unverfänglichen Namen „ Café Nova “ hört und tatsächlich von Innen so aussieht wie praktisch jedes nach DIN gebaute JZ. Immerhin ziert im Veranstaltungssaal eine Urkunde eine reichlich unspektakuläre (und tatsächlich sogar verputzte) Gasbetonwand, welcher zu entnehmen ist, dass die ortsansässige Stauder -Brauerei den Dreifaltigen für die langjährigen Geschäftsbeziehungen dankt. So, so… offenbar gibt's hier beim Abendmahl wenigstens ein kühles Blondes statt des ollen Rebschoppens… Heute aber gilt es erst einmal, mit den DeathFist s ein Bierchen zu schlürfen und das Geraffel in die Katakomben zu schlüren. Da wir nun noch ein wenig Zeit und noch ein wenig mehr Hunger haben beschließen wir, ein paar Meter im Schatten der Fördertürme und Abraumhalden zu flanieren und ein geeignetes Büdchen zwecks Pre-Caterining zu suchen. Und tatsächlich: Während man in Herford ja nicht einmal spucken kann, ohne einen Friseur zu treffen, so kann man in Essen an jeder Ecke was essen (daher der Ortsname). Als integrationsbeflissene Interimsmigranten wählen wir selbstverständlich einen Gastronomiebetrieb, der sich ganz der Pflege der heimischen Esskultur verschrieben hat, um mit erlesenen kulinarischen Kostbarkeiten wie Currywurst oder Frikadelle unsere Gaumen zu kitzeln. Zurück im Café Nova dürfen wir nun dem Soundcheck der Headliner des heutigen bunten Abends beiwohnen. Witchburner spielen – soweit es sich anhand des dargebotenen Materials sagen lässt – einen soliden, vom traditionellen Heavy- bzw. Power Metal beeinflussten, Thrash Metal alter Schule, der vor allem aufgrund der zweistimmigen Klampfen durchaus zu gefallen weiß. Allerdings dürfte das trockene Krächzen des Sängers auf Dauer wohl etwas eintönig wirken… Doch zunächst einmal haben wir uns der undankbaren Aufgabe zu stellen, das Publikum auf Betriebstemperatur zu bringen. Tatsächlich läuft der Set (von ein paar ungeprobten Spontan-Improvisationen einzelner - an dieser Stelle selbstverständlich nicht namentlich genannter – Stöckchenschwinger zu Beginn des Sets einmal abgesehen) eigentlich ziemlich gut. Doch leider ist der Laden zu diesem Zeitpunkt nur spärlich gefüllt und die, die doch da sind, lassen sich nur vereinzelnd und nur durch massive persönliche Ansprache (hier: Pöbeleien) aus der Reserve locken. Doch immerhin gibt es ein paar Fans, die in der ersten Reihe gut abgehen und tatsächlich auch die Texte kennen und mitgröhlen. Trotzdem haben wir nach dreißig Minuten Vollgas das Gefühl, dass es doch nicht allzu schlimm war, dass wir heute die Kiste mit den Shirts und CDs schlichtweg vergessen haben… Während wir nun im Backstagebereich über Pils und Pizza herfallen, entern DeathFist die Bühne. In einem Prozess holoblastischer Furchung verdoppelt sich die Bevölkerungsdichte vor der Bühne innerhalb weniger Sekunden und vom ersten Ton an brennt die Luft. Schon meine ich das konsternierte Keifen jener pikierten Diva, welche in meiner rechten Gehirnhälfte zu residieren pflegt, zu vernehmen: „Was haben die, was wir nicht haben?“ Ist es die Tatsache, dass die Band über ein X-Chromosom mehr verfügt als wir? Obwohl sie – anders als so manch andere Combo mit vergleichbarem Line-Up – diese Tatsache eben nicht medienwirksam in den Fokus schiebt, und sich Corinna schon gar nicht im knappen Latex-Dirndl als Herrin des lethalen Fistings geriert… Ist es die Tatsache, dass der im Underground bisweilen kultisch verehrte Tormentor eine Zeitlang hinter der DeathFist -Schießbude thronte? – Obwohl dieser eigentlich eher ein Leiharbeiter denn festes Band-Mitglied war… Ist es ganz simpel die Tatsche, dass die Band hier in der Gegend beheimatet ist und sich somit eine entsprechende Fanbasis aufbauen konnte? – Oder von allem ein Bisschen? Nein – sie sind einfach besser! Lediglich beim abschließenden Accept -Cover merkt man, dass die Band am Abend zuvor schon einen anstrengenden Gig gezockt hat, so dass die Kraftreserven langsam zur Neige gehen und der besungene Raubfisch auch schon seiner letzten Bestimmung als Schillerlocke entgegen zu schwimmen scheint. Doch dann kommt's richtig dicke! Fünf noch etwas milchbärtige Jungs mit lustigen Pseudonymen und mundgeblasenen Augenringen, die sich Ketzer schimpfen und gerne Desaster wären. Wir sind uns schnell einig, dass uns das nicht vom Hocker haut. Das Publikum sieht das allerdings komplett anders: Es ist inzwischen rappelvoll, man kriegt kein Bein mehr an die Erde geschweige denn vor- oder auch nebeneinander, die Saal tobt und die Meute feiert die Band euphorisch ab. Und so ist es wohl die gelbe Natter Neid, die mir jenes Bonmot des alten Goethe ins Ohr zischt: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich anpassen, aus Schwachen, die sich angleichen, und der Masse, die nachtrollt, ohne im mindesten zu wissen, was sie will.“ - Anderseits entbehrt es ja auch nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Ketzer unter dem Dach der Dreifaltigkeit eine Apotheose erfahren. Vielleicht sollten Human Paranoid mal auf Tour durch die Landeskrankenhäuser und Maßregelvollzugsanstalten der Republik gehen… Mit Blick auf die Uhr und das herbstliche Wetter entscheiden wir uns, schon jetzt die Hühner zu satteln und uns Witchburner nicht mehr anzuschauen… - Besten Dank an die Metal Militia Essen – allen voran an den Domme, der sich redlich um uns bemüht hat!
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